Einblick No. 3 // Alumni

"Das FSJ Kultur ist wie die Zauberkugel von Marijke Amado"

Hannah
FSJ Kultur 2004/2005 im Sandkorn-Theater, Karlsruhe // Jetzt Cafébesitzerin

In der Berliner Weserstraße 91 hat sich Hannah ihren Traum verwirklicht. „Rosi ich bin im Park“ heißt das Café, von dem sie schon phantasiert hat, als sie „vier Jahre alt war“. Dazwischen ist sie schnell noch in die Schule gegangen, hat ein FSJ Kultur gemacht, in Frankfurt Oder und in Malmö studiert, als Fee in der Begleitung Freiwilliger im FSJ Kultur gearbeitet, gebacken und in Cafés ausgeholfen. Jetzt endlich hat sie ihr eigenes.

Ihr FSJ Kultur hat Hannah im Sandkorn-Theater in Karlsruhe 2004/2005 gemacht, direkt nach dem Abitur. Erfahren hat sie davon „durch eine Informationsveranstaltung an meiner Schule für Zivis. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum ich in dieser Veranstaltung war – ich war die einzige Frau.“ Dennoch hat das Kreiswehrersatzamt von Aurich in Ostfriesland das FSJ Kultur in dieser Veranstaltung beworben und Hannah hat angebissen, denn sie wollte „Kultursachen machen, ohne dass ich mich schon für immer festlegen muss.“ Und sie wollte weg aus dem hohen Norden.

Im Sandkorn-Theater hat Hannah vieles gemacht und ausprobiert: Theater gespielt, an der Kasse gesessen, den Jugendclub betreut, Bühnenbilder gebaut, Flyer gestaltet, die Abrechnung gemacht. Es gab Differenzen und es gab tolle Erfahrungen – „aber das war echt ein schöner Job, ich habe das geliebt.“ Im Nachhinein ist das Jahr für Hannah wie die Zauberkugel bei der Miniplaybackshow: „Man geht da rein als weltfremd, unerfahren und unklar. Wenn man rauskommt, weiß man viel über sich und das Leben – man ist ein anderer Mensch.“

Auf die Frage, was für sie das Besondere am FSJ Kultur ist, sagt Hannah: „Es ist spektakulärer als die Sozialen Jahre, eben weil es das noch nicht hundert Jahre gibt, weil eigentlich alle noch üben, wie man es am besten macht, weil niemand Menschen abfertigt, sondern weil alle gemeinsam etwas entwickeln. Es gibt noch kein Universalrezept, sondern alles ist immer noch neu und aufregend.“

Nach ihrem FSJ Kultur im Süden verschlug es Hannah nach Berlin, sie studierte an der Viadrina in Frankfurt an der Oder Kulturwissenschaften und ist außerdem dem Freiwilligendienst - diesmal als Assistentin bei der BKJ, Träger im FSJ Kultur - treu geblieben: „Das war wieder so eine Arbeit, in die man unverhofft reinfällt und dann ganz viel mitnimmt.“ Die Zeit im Zeichen des FSJ Kultur endete mit einem Auslandssemester in Schweden, bei dem ein anderer Kultur-Aspekt wieder aus dem Schatten trat: „Das Theater“. Die Begeisterung über ihre Erlebnisse in diesem Land ist Hannah anzusehen, anzuhören und auch in ihrem Café sichtbar. Skandinavisch angehauchter Stil und das Gefühl, dass man hier sitzenbleiben kann, besonders wenn es draußen schneit. Auf jedem Tisch stehen Kerzen und frische Blumen und in der Kuchenvitrine lädt der Schokokuchen zum Dahinschmelzen ein.

Und damit ihr Leben von nun an nicht nur aus Kuchenbacken besteht, hat das Café eine Besonderheit: Balett, Blockflöte lernen, Filme schauen und Hörspiele hören – auch das kann man an diesem Ort. Ihr bester Freund Alex, der auch ein FSJ Kultur gemacht hat (wie sollte es anders sein?), ist hier ihr Kulturbeauftragter und Veranstaltungsmanager. Die Aufgaben sind geteilt, das Herzblut für den Laden haben beide gleichermaßen und am Ende haben beide etwas davon. Hannah kann ihre Lust an der Kultur teilen und Kuchen backen und Alex kann Veranstaltungen organisieren und Hannah beim Servieren helfen. Vielleicht wird das Café mal Einsatzstelle, überlegt Hannah mit einem zwinkernden Auge, denn „Kaffee kochen ist ja auch Kultur“.

Alles, was sie für ihr Café braucht, hat sie aus ihrem bisherigen Leben mitgenommen. In ihrer Heimat hat sie schon bei der Arbeit im Jugendzentrum die Kombination aus Essen und Kultur für sich entdeckt. Ihre Oma hat ihr die Rezeptesammlung und die tollsten Küchenutensilien vermacht. Im Sandkorn-Theater hat sie gelernt, mit wenig Geld umzugehen und die richtigen Leute zu fragen, wenn sie Hilfe braucht. Aus Schweden kommt der Stil und die Lust an Theater und Kultur und aus der Zeit als Fee viele Freunde.

Daher hat sie sich auch sehr gefreut, im November Austragungsort des Kulturtischs zu sein. Der ist ein Treffpunkt für ehemalige Freiwillige, egal woher sie kommen, und findet bundesweit in mehreren Städten statt. In Berlin lag das kürzlich eröffnete Café einer Alumna nahe und das erfreute Hannah besonders, da sie zu diesem Anlass noch einmal ein paar alte Bekannte zu Gesicht bekam. Das FSJ Kultur ist eben doch eine Familie.

von Annika Esser
November 2012